Trotz der vielen Unsicherheitsfaktoren bieten die Kapitalmärkte nach wie vor mehr Chancen als Risiken. Zwar liegt der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus noch immer spürbar unter dem Niveau von vor dem Start der Angriffe Ende Februar. Es mehren sich aber die Zeichen, dass eine Lösung gefunden wird, bevor das Angebot durch die leeren Lager bedenklich knapp wird. In diesem Fall sollte eine Rezession im Euroraum vermieden werden können und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 0,8 Prozent wachsen. In den USA erwarten wir aufgrund ihrer Energieautonomie und getrieben von dem Megatrend der Künstlichen Intelligenz (KI) 2026 ein deutlich höheres Wachstum von 2,3 Prozent. Trotz der energiepreisbedingt gestiegenen Inflation gehen wir nicht davon aus, dass die Zentralbanken in Europa und den USA in einen neuen Zinserhöhungszyklus wechseln werden. Als Absicherung gegen höhere Inflationserwartungen könnte die Europäische Zentralbank ihrem Zinsschritt im Juni noch einen zweiten folgen lassen. Weitere Anhebungen erwarten wir aber nicht, sodass an den Rentenmärkten Unternehmensanleihen mit guter bis sehr guter Bonität gut unterstützt bleiben, aufgrund der gesunkenen Risikoaufschläge allerdings mit begrenztem Kurspotenzial. Bei Staatsanleihen wirken die steigenden Nettoemissionsvolumen wegen der hohen öffentlichen Investitionen und der Haushaltsdefizite belastend. Durch die tendenziell steigende Staatsverschuldung bei einer gleichzeitig stabilen Unternehmensverschuldung kommt es zu einer Bonitätsverschiebung von Staaten zu Unternehmen. In diesem Umfeld haben Unternehmensanleihen guter Bonität für viele Investoren die Rolle der Staatspapiere übernommen und sind zu einem Ruhepol im Portfolio geworden. Angesichts der steiler werdenden Zinsstrukturkurven bevorzugen wir Papiere im mittleren Laufzeitensegment. Die US-Notenbank könnte ebenfalls die gestiegenen Inflationserwartungen mit einer Zinserhöhung einhegen. Grundsätzlich gehen wir aber davon aus, dass sie trotz der gestiegenen Teuerung gegen Ende des Jahres einen leicht expansiveren Kurs einschlagen wird. Der Grund liegt in dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh, der fest an zukünftige Produktivitätszuwächse durch KI glaubt.
An den Aktienmärkten bleibt KI der wesentliche Treiber. Das Gewinnwachstum ist in der Breite gut, aber KI dominiert die Märkte allen geopolitischen Unsicherheiten zum Trotz. Nach dem erfolgten Börsengang von SpaceX werden die noch anstehenden von OpenAI und Anthropic weitere Schlaglichter darauf werfen, ob die Investoren dauerhaft bereit sind, große Mengen Kapital in KI-Konzerne zu investieren, oder ob es erste Signale für eine Abkühlung gibt. In Europa werden die Märkte hingegen eher von hohen Energiepreisen belastet, sowohl über die Gewinnsituation der einzelnen Unternehmen als auch über den konjunkturellen Ausblick insgesamt. Grundsätzlich spricht nach wie vor einiges für zyklische Unternehmen. Ein Augenmerk sollte vor allem auf Namen mit starker Marktstellung und Preissetzungsmacht gelegt werden. Der fundamentalen Analyse und der umsichtigen Selektion kommen in der aktuellen Marktphase mit vielen Unsicherheitsfaktoren eine besondere Rolle zu.
Der Ölpreis sollte sich nach dem starken Rückgang im Juni stabilisieren. Aufgrund der Schäden an der Produktions- und Transportinfrastruktur im Nahen Osten sowie einer nur langsamen Bereinigung der logistischen und produktionstechnischen Verwerfungen dürfte noch über einige Monate mit einem geringeren Angebot zu rechnen sein. Bei den Industriemetallen wie Kupfer und Nickel überwiegen langfristig unverändert die positiven Vorzeichen aufgrund der Elektrifizierung und der Energiewende. Bei Gold rechnen wir mit einer Ausweitung der Förderkapazitäten, die mittelfristig zu sinkenden Notierungen führen sollte.