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19.10.2026 | Lesezeit: 6 Minuten

Trotz Gegenwind auf Wachstumskurs

Die Weltwirtschaft zeigt sich überraschend robust, doch steigende Energiepreise und geopolitische Krisen sorgen für neue Unsicherheit. Welche Folgen das für Inflation, Zinsen und die Entwicklung an den Kapitalmärkten hat, lesen Sie in diesem Beitrag.

Das Wichtigste auf einen Blick

  •  Nahost-Konflikt treibt Energiepreise und Inflation: Die erneute Eskalation im Nahen Osten sowie Störungen bei Öl- und Kraftstofflieferungen haben die Energiepreise erhöht. Dadurch bleibt die Inflation weltweit auf einem erhöhten Niveau.
  •  Zinsen steigen, Finanzmärkte unter Druck: Wegen der anhaltenden Inflationssorgen haben Fed und EZB die Zinsen weiter angehoben. Höhere Renditen belasteten insbesondere Anleihen und zeitweise auch Technologie- und KI-Aktien.
  •  Trotz Risiken bleiben die Kapitalmarktaussichten positiv: Die Wirtschaft zeigt sich robust, KI bleibt ein wichtiger Wachstumstreiber und Experten sehen weiterhin mehr Chancen als Risiken an den Kapitalmärkten, auch wenn Energiepreise und geopolitische Unsicherheiten bestehen bleiben.

Erneute Eskalation im Nahen Osten lässt Inflationssorgen steigen

Mit Beginn des dritten Quartals nahmen die Spannungen im Nahen Osten wieder zu. Die Hoffnungen auf einen Frieden in der Region zerstreuten sich ebenso wie die auf eine Normalisierung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus. Dadurch stiegen die Preise von Rohöl und insbesondere Ölprodukten wie bspw. Kerosin und Diesel über die Sommermonate erneut an, zusätzlich getrieben durch eine neuerliche Bedrohung der Einfahrt in das Rote Meer durch die Houthi-Rebellen im Jemen und einer Vielzahl erfolgreicher ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Raffinerien. Während in Deutschland das extreme Niedrigwasser des Rheins die Logistik für Kraftstoffe erschwerte, führte die Knappheit in den USA zu Überlegungen, Dieselexporte einzuschränken. Trotz einer zwischenzeitlichen Abschwächung einiger Frühindikatoren zeigte sich die Weltwirtschaft trotz der hohen Energiepreise insgesamt robust. Auch die Unternehmen vermeldeten bei Umsätzen und Gewinnen für das zweite Quartal hervorragende Zahlen, sodass die Bewertungen an den führenden Aktienmärkten sanken. Die Inflation zog weltweit spürbar an und dürfte aufgrund der anhaltend hohen Energiepreise in den kommenden Monaten noch erhöht bleiben. 

Chart: Gemischtes Bild bei Aktien – Renten schwach – Rohstoffe steigen

Nach den ersten Leitzinserhöhungen im zweiten Quartal setzten viele Zentralbanken die geldpolitische Straffung in den vergangenen drei Monaten fort. Darunter war auch die Europäische Zentralbank (EZB), die im September eine weitere Zinserhöhung beschloss. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) folgte ihrem Beispiel und hob Mitte September den Leitzins in den USA zum ersten Mal seit über drei Jahren an.

Die Befürchtungen um eine anhaltend erhöhte Inflation sowie um hohe Neuemissionsvolumen sowohl zur Finanzierung staatlicher Defizite als auch der Finanzierung der immensen KI-Investitionen führten an den Rentenmärkten zu spürbaren Kursverlusten. So stiegen die Renditen von Bundes- und US-Staatsanleihen sowohl mit zwei- als auch mit zehnjährigen Restlaufzeiten im Quartalsverlauf um 68 bis 82 Basispunkte an. Auch Unternehmens-, Hochzins- und Schwellenländeranleihen verzeichneten per saldo Verluste. Insbesondere im Spätsommer strahlten die steigenden Renditen auf die wachstums- und momentumgetriebenen Segmente der Aktienmärkte ab und begrenzten dort auf Indexebene die Kursgewinne bzw. führten in einigen Märkten zu Kursverlusten. Zweifel an der Rentabilität der hohen Investitionen vornehmlich amerikanischer Anbieter angesichts der Erfolge chinesischer KI-Entwicklungen hatten bereits im Juli zu einer von den Halbleiterwerten angeführten Korrektur im Technologiesektor geführt. Darüber hinaus mehrten sich über die Sommermonate infolge von sicherheitsrelevanten Zwischenfällen die Rufe nach Regulierung von KI-Modellen, auch von deren führenden Entwicklern. In Anbetracht der Vielzahl von Belastungsfaktoren zeigten sich die Aktienmärkte aber insgesamt als widerstandsfähig. Rohstoffe legten angeführt vom Energiesektor in der Breite deutlich zu. Der Goldpreis konnte sich nach der Schwäche im ersten Halbjahr etwas erholen.

Kapitalmarktausblick

Mehr Chancen als Risiken an den Kapitalmärkten

Trotz der vielen Unsicherheitsfaktoren bieten die Kapitalmärkte nach wie vor mehr Chancen als Risiken. Unter der Erwartung, dass für die Straße von Hormus eine Lösung gefunden wird, bevor das Ölangebot durch die sich leerenden Lager bedenklich knapp wird, sollte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum um 1,0 Prozent wachsen. In den USA erwarten wir aufgrund ihrer Energieautonomie und getrieben von dem Megatrend der Künstlichen Intelligenz (KI) 2026 ein Wachstum von 2,2 Prozent, das 2027 leicht auf 2,3 Prozent ansteigen dürfte. Im Euroraum sollte sich die Wirtschaftsleistung 2027 auf 1,5 Prozent beschleunigen, u.a. durch die deutschen Investitionspakete. Mit der ungelösten Situation am Persischen Golf, der Eskalation im Jemen und den Produktionsausfällen in Russlands Raffinerien ist der Energiemarkt angespannt und die Preise für fossile Energieträger wie Öl und Gas bleiben entsprechend hoch. Aufgrund der anhaltenden Unsicherheit haben unsere Volkswirte ihre Inflationsprognosen leicht angehoben und erwarten nun für 2026 eine Steigerung des Preisniveaus von 3,4 Prozent in den USA und 3,0 Prozent im Euroraum. Zwar dürfte sich in beiden Regionen der Anstieg im Jahr 2027 auf 2,4 Prozent verlangsamen. Dennoch würden damit die Inflationsziele von Fed und EZB jeweils verfehlt werden.

Chart: Straße von Hormus ist weiter kaum passierbar – Ölpreis bleibt erhöht

Mit Blick auf die Kernrate bleibt der Disinflationstrend in den USA grundsätzlich intakt und sollte sich nach unserer Erwartung fortsetzen. Damit sehen wir keinen fundamentalen Grund für weitere Zinsanhebungen der US-Notenbank und der Schritt im September sollte ein Solitär bleiben. Die EZB dürfte hingegen ihre Politik des Risikomanagements zur Einhegung potenzieller Zweitrundeneffekte auf die Kerninflation im Euroraum fortsetzen und im vierten Quartal noch ein weiteres Mal den Leitzins um 25 Basispunkte erhöhen.

Mit einem robusten Wachstum, perspektivisch wieder rückläufigen Inflationsraten und keinem Wechsel der Notenbanken in einen klassischen Zinserhöhungszyklus bleibt das Umfeld für die Kapitalmärkte konstruktiv. An den Rentenmärkten bevorzugen wir unverändert Anleihen privater gegenüber Papieren staatlicher Emittenten. Bei Staatsanleihen wirken die steigenden Nettoemissionsvolumen wegen der hohen öffentlichen Investitionen und der Haushaltsdefizite belastend. Bei einer stabilen Unternehmensverschuldung sorgt die tendenziell steigende Staatsverschuldung für eine relative Bonitätsverschiebung von Staaten zu Unternehmen. In diesem Umfeld haben Unternehmensanleihen guter Bonität für viele Investoren die Rolle der Staatspapiere übernommen und sind zu einem Ruhepol im Portfolio geworden. In Erwartung fallender Renditen im kurzen bis mittleren Laufzeitensegment bei einem gleichzeitig stabilen Renditeniveau im langen Laufzeitenbereich bevorzugen wir Papiere mit kurzen bis mittleren Fälligkeiten.

An den Aktienmärkten bleibt KI einer der wesentlichen Treiber. Das Gewinnwachstum ist in der Breite gut, vor allem in den USA, aber auch in Europa. Mit Blick auf den industriellen Zyklus stellt sich die Frage, ab wann die hohen Energiepreise in Kombination mit den gestiegenen Zinsen und der politischen Unsicherheit dämpfend wirken. Erste Hinweise gibt es, gerade bei einzelnen europäischen Unternehmen. Unter dem Strich verdichtet sich aber die Einschätzung, dass konjunktursensitive Werte weiterhin attraktiv sind und die strukturelle Verbreiterung der Dynamik intakt ist. Zumal die Chance besteht, dass sowohl der Anstieg der Rohstoffpreise als auch der der Zinsen weitgehend abgeschlossen sein könnte. Ein positives Augenmerk sollte vor allem auf Namen mit starker Marktstellung und Preissetzungsmacht gelegt werden. Der fundamentalen Analyse und der umsichtigen Selektion kommen in der aktuellen Marktphase mit einigen Unsicherheitsfaktoren eine besondere Rolle zu.

Der Irankonflikt bleibt das zentrale Thema für Energierohstoffe. Die angespannte Lage an den Rohöl-, Gas- und vor allem an den Ölproduktemärkten dürfte vorerst noch an- und die Preise auf hohem Niveau halten. Damit liegen sie aber unseres Erachtens am oberen Ende ihrer Handelsspanne, da wir aktuell eine Deeskalation im Nahen Osten für wahrscheinlicher halten als eine weitere Verschärfung. Die Lage bleibt jedoch unsicher. Bei den Industriemetallen wie Kupfer und Nickel überwiegen langfristig unverändert die positiven Vorzeichen aufgrund der Elektrifizierung und der Energiewende. Eine Ausweitung der Förderkapazitäten sollte am Goldmarkt mittelfristig zu sinkenden Notierungen führen.

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